von Gyde Callesen, Schriftstellerin, Dozentin, Therpeutin
- Vorabdruck aus dem geplanten Buch: Was ist Heilung? Facetten eines Phänomens -
Chiron, der weise Zentaur, ist der in der griechischen Mythologie ein verwundeter Heiler, der trotz seiner herausragenden Heilkünste sich selber nicht heilen kann. Sein Freund Herakles hat ihn versehentlich mit einem vergifteten Pfeil getroffen, und als unsterblicher Sohn des Kronos leidet er sehr, bis er schließlich seine Unsterblichkeit aufgibt, um Prometheus zu befreien. Von Zeus wurde er daraufhin als Sternbild des Zentaur (Schütze) in den Himmel gesetzt.
Chiron ist ein Verwundeter, der auf der Suche nach Heilung viele andere heilt.
Nach seiner Geburt wurde er von seinen Eltern, von Kronos, dem Herrscher über die Zeit, und einer Nymphe Philyra aufgrund seines Aussehens als Mischwesen, halb Pferd, halb Mensch verstoßen. Seine Mutter bat Zeus sie in einen Baum zu verwandeln, damit sie Chiron nicht stillen musste. Sein Ziehvater wird Apollon, der Gott der Musik, der Wahrsagung und des Heilens, der ihn in seine Künste einführt. Chiron gilt als sanftmütig und weise und wird zu einem wichtigen Lehrer und Mentoren, u.a. von Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkunst, der sein medizinisches Wissen von Chiron erlernt.
In der Psychologie C.G. Jungs wird der Mythos vom verwundeten Heiler als archetypisches Bild für die therapeutische Beziehung erwähnt. Jung schreibt: „Es ist kein Irrtum, wenn er [der Therapeut] sich vom Patienten betroffen und getroffen fühlt: nur im Maße seiner eigenen Verwundung vermag er zu heilen.“
Jung sah es also als Voraussetzung an, dass der Therapeut oder Heiler eine eigene Verwundung trägt und sie sich bewusst gemacht hat, denn erst dies befähigt ihn dazu, zum Patienten eine therapeutische Beziehung aufzunehmen, die Heilung entfaltet.
Anders als in unserer gegenwärtigen Kultur galt in traditionellen Medizinsystemen, wie dem Schamanismus oder den asklepischen Kulten, die Verwundung des Heilers als Hinweis auf bestandene Prüfungen und wurde nicht als Zeichen von Scheitern gesehen.
„The wound validates the healer’s ability to move ‚between the worlds’ – the world of the well and the world of the ill, for it is in the bridging of these worlds that the healing power lies. In the history of shamanism the healing power often emerges directly out of the experience of illness or loss of a body part.” (Remen, May, Young, Berland: The wounded healer, 1985).
Aus dieser Perspektive betrachtet sind Krankheit und Verwundung nicht als Abwesenheit von Gesundheit zu verstehen, sondern als ein möglicher Weg zu individuellem Wachstum, größerer Reife und Ganzheit.
Auch im Topos der Initiationskrise zeigt sich die Erfahrung von Krankheit und Verwundung als Weg zur Erlangung von Reife und gesellschaftlicher Verantwortung. Der zukünftige Schamane hatte das Chaos einer vorübergehenden Auflösung innerer und äußerer Ordnung zu durchleben. Davon zeugen Bilder der Begegnung mit Gottheiten und Dämonen, von Reisen in verschiedene Welten und von körperlicher Auflösung. Der Schamane kann als Urbild des verwundeten Heilers gesehen werden, er ist im Rahmen seines initiatorischen Prozesses gefordert, sich unkontrollierbaren Energien und Kräften hinzugeben, um dadurch eine größere Ganzheit und Zugang zu zuvor verschlossenen Dimensionen der Welt und der Heilung zu erfahren.
Jedem Krankheits- und Heilungsgeschehen wohnen destruktive und schöpferische Prozesse inne – dies spiegelt sich in diesem Archetyp wider. Initiationsprozesse dieser Art mit ihren Elementen der Séparation (die bisherigen Formen der Lebensbewältigung reichen nicht mehr aus), der Marge (eine Phase tiefer Verunsicherung und Umschichtung aller Werte) und der Aggrégation (Ausdruck einer neuen Sichtweise und Identität) finden sich weltweit in allen Mythologien der Völker.
Im Bild des verwundeten Heilers findet man auch diesen mythologischen Weg in die Unterwelt des psychischen und physischen Leidens, um dann daraus positiv gewandelt hervorzugehen und aufgerufen zu sein, Begleiter für andere auf diesem Weg zu werden. Sich der eigenen Wunde gegegenwärtig zu sein, bewahrt den Therapeuten und Heiler vor der Hybris. Als Halbgott und größter aller Heiler ist Chiron nicht in der Lage, sich selbst zu heilen. Die Anerkenntnis der eigenen Grenzen schützt ihn vor Hochmut und öffnet ihm die Pforten zu einem vertieften Mitgefühl und vertiefter Heiltätigkeit.
Das warnende Gegenbild dazu ist Asklepios, der von Chiron die Heilkunst erlernt hat und diese Kunst dazu benutzt, die Toten wiederzuerewecken. Damit bringt er Hades, den Gott der Unterwelt, gegen sich auf, da er das Gleichgewicht von Leben und Tod verletzt, und wird von den Göttern bestraft.
Die moderne Medizin mit ihrer Hybris alles heilen zu wollen und zu können, den Tod so lange wie möglich aufzuhalten, ist diesem Archetyp des maßlosen Heilers sehr nahe.
Der Heiler, der die eigene Verletzlichkeit verleugnet und sich einseitig mit dem Heiler-Archetyp identifiziert, verstrickt sich schnell in Größenphantasien und mangelndem Bewusstsein der eigenen Grenzen. Daher braucht die Tätigkeit als Heiler, Therapeut, Arzt immer eine gewisse Bescheidenheit und Demut und damit die Fähigkeit die eigene Begrenztheit auszuhalten.
Die Bedeutung des Sich-Offenhaltens für die eigene Verletzlichkeit und Verwundbarkeit in Bezug auf die eigene therapeutische Tätigkeit gehört zu den Kernelementen des Bildes des verwundeten Heilers. Nur der Therapeut, der sich nicht vor den eigenen inneren Wunden verschließt, bleibt fähig zu Anteilnahme und Mitgefühl der Wunden und Nöte seiner Patienten. Denn das Mitgefühl entsteht aus der Fähigkeit der Annahme und Integration des Leidhaften im eigenen Leben. Wer die eigene Verwundbarkeit und Verletzlichkeit anerkennt, kann die heilsame Qualität des Mitgefühls entwickeln.
In der Astrologie wird die Position Chirons als jenes angesehen, was uns auf unsere tiefste Verletzung hinweist, auf die scheinbar unheilbare Wunde, aber auch als Hinweis darauf, wie wir diese Wunde heilen können. Es geht hier um die Urwunde, eine vermeintliche Schwäche, in der jedoch auch unsere größte Stärke liegt.
Damit ist Chiron ein Symbol für tiefe Transformation.
Die Medizinerin Rachel Naomi Remen, selbst chronisch erkrankt, weist auf die universelle Botschaft hin, die jedem Leiden innewohnt: Letztlich sind wir alle Verwundete, auch wenn wir auf verschiedene Weise verwundet sind, aber aus diesem Grund können wir im täglichen Miteinander dazu beitragen, unsere Wunden durch unsere menschlichen Beziehungen zu heilen.
Der Archetyp des verwundeten Heilers, wie Chiron ihn verkörpert, erinnert uns an die Zerbrechlichkeit des Lebens – trotz all unserer Kompetenzen bleiben wir verwundbar und sterblich. Verwundbar zu sein, bedeutet auch, mit dem Leben verbunden zu bleiben, mit all seiner Schönheit, Vielfalt und Tiefe, mit all seinen Erscheinungsformen von Licht und Schatten, Gut und Böse, Freude und Leid.
In diesem Verständnis von Heilen, das auf dem Mythos des verwundeten Heilers basiert, ist nicht Symptomfreiheit und die Wiederherstellung des Ausgangszustandes das Ziel, sondern die Transformation zu Ganzheit.
Oder wie Rumi schreibt: Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eintritt.
