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 gyde callesen

Angsterkrankungen

 

Jeder Fünfte in Deutschland hat eine Angststörung, aber kaum jemand spricht darüber.

 

Angst passt nicht in eine Leistungsgesellschaft, in der jeder Mensch möglichst reibungslos funktionieren soll und in der niemand vermeintliche Schwächen zugeben möchte. Zugleich nehmen Angsterkrankungen in unserer Gesellschaft ständig zu.

 

Ein bisschen Angst - na und? Kaum ein Außenstehender kann das tiefe Leid sich vorstellen, das eine dauernde Angsterkrankung mit sich bringt. Kaum jemandem ist bewusst, wie nahtlos der Übergang ist von der Angststörung zur Depression und wieviele Suizide aufgrund der inneren Ausweglosigkeit infolge einer Angsterkrankung begangen werden.

Einteilung der Angststörungen:

Klassifikation der WHO

In Deutschland wird wie in den meisten europäischen Staaten zur Klassifikation und Diagnostik psychischer Störungen die sogenannte ICD der WHO herangezogen.

 

Panikstörungen (ICD-10 F41.0):
Spontan auftretende Angstattacken, die nicht auf ein spezifisches Objekt oder eine spezifische Situation bezogen sind. Sie beginnen abrupt, erreichen innerhalb weniger Minuten einen Höhepunkt und dauern mindestens einige Minuten an.

 

Generalisierte Angststörung (ICD-10 F41.1):
Eine diffuse Angst mit Anspannung, Besorgnis und Befürchtungen über alltägliche Ereignisse und Probleme über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten, begleitet von weiteren psychischen und körperlichen Symptomen.

 

Angst und depressive Störung, gemischt (ICD-10 F41.2):
Angst und Depression sind gleichzeitig vorhanden, eher leicht ausgeprägt ohne Überwiegen des einen oder anderen.

 

Agoraphobie (ICD-10 F40.0):
Furcht vor oder Vermeidung von Menschenmengen, öffentlichen Plätzen, Reisen allein oder Reisen weit weg von Zuhause.

 

Soziale Phobie (ICD-10 F40.1):
Furcht vor oder Vermeidung von sozialen Situationen, bei denen die Gefahr besteht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, Furcht, sich peinlich oder beschämend zu verhalten.

 

Spezifische Phobien (ICD-10 F40.2):
Diese können nach bestimmten Objekten oder Situationen unterschieden werden:

Tierphobien: zum Beispiel Angst vor Spinnen (Arachnophobie), Insekten, Hunden (Canophobie), Reptilien, Schlangen (Herpetophobie), Katzen (Ailurophobie), Mäusen

Situative Phobien: Flugangst, Höhenangst, Tunnel, Aufzüge, Dunkelheit

Natur-Phobien: zum Beispiel Donner, Wasser, Wald, Naturgewalten, Anblick von Blut (Blutphobie), Spritzen-Angst (Trypanophobie), Verletzungen.

 

Sonstige phobische Störungen (ICD-10 F40.8)

 

 

Dem Körper und dem Leben wieder vertrauen lernen

 

Vertrauen zurückzugewinnen, kann ein sehr mühsamer und langer Weg sein.

Es ist wie die Arbeit an einem inneren Fundament, das Stein für Stein bewusst gelegt werden will.
Vertrauen kann ein Mensch nur wieder aufbauen, wenn er fähig ist, sich bis zu einem gewissen Grad zu entspannen, wenn der Körper und die Psyche nicht in dauerhafter Alarmbereitschaft verharren.

Daher sind alle Therapien und Methoden, die zur Entspannung beitragen, hilfreich. Zudem kann es sehr unterstützend sein, wenn die übermächtigen Angstgefühle einen Ausdruck erfahren können, wie beispielsweise in der Kunst- oder Schreibtherapie. Denn gegen Druck hilft Ausdruck.

 

 

3 Monate oder 10 Jahre Angst -

Therapieform ist abhängig von der Dauer der Angsterkrankung

 

Es ist ein Unterschied, ob jemand erst seit einigen Wochen oder wenigen Monaten an einer Angststörung leidet, oder jemand durch die Angsterkrankung bereits seit vielen Jahren eingeschränkt ist. Wer erst kurzfristig mit Einschränkungen durch Ängste zu tun hat, wird vermutlich mit einer lösungsorientierten Verhaltenstherapie besser klarkommen als jemand, bei dem die Angst über Jahre das komplette Leben verändert hat.

 

Menschen, die seit vielen Jahren an einer Angststörung leiden, haben nicht selten an einem bestimmten Punkt innerlich aufgegeben. Sie hoffen nicht mehr, je wieder ohne die einschränkende Krankheit leben zu können. Vielleicht haben sie viele Jahre gegen die Angst gekämpft und sind irgendwann gescheitert, weil sie keine Kraft mehr hatten.

 

Wenn die Angst viele Jahre Leben geprägt und verändert hat, braucht es viel Einfühlungsvermögen seitens eines Therapeuten, einer Therapeutin und viel Mut seitens des Patienten, der Patientin, sich noch einmal auf den Weg zu machen. Dann geht es vor allem erst einmal darum, die Schale der Resignation zu knacken. Aus dem 'Es geht eben nicht mehr' wieder ein 'Ja, es wird wieder gehen' zu machen, ist alles andere als einfach.

Wieder zuzulassen, dass ein Leben ohne Angststörung wieder möglich sein kann, egal wie lange sie gedauert hat, kann die erste Aufgabe auf dem Weg der Angstbewältigung sein.

 

Dann gilt es, den Weg mit der Angst zu würdigen. Einen so langen Wegbegleiter kann man nicht eben mal so einfach nebenbei loslassen, so seltsam es klingen mag. So sehr man diese Angsterkrankung immer loswerden wollte - es ist ein Prozess des Loslassens, sie tatsächlich gehen zu lassen. Mit all den Gefühlen, die zu diesem Prozess dazugehören. Diesem Prozess seine Zeit zu geben, ist wichtig. Wenn Resignation, Frust und innere Kapitulation gesehen wurden, kann auch begleitend ein Angstbewältigungstraining stattfinden.

 

Von der Erde getragen werden

 

Angst steigt auf, sie reißt den Betroffenen den Boden unter den Füßen weg, sie entwurzelt. Daher ist Erdung bei Angststörungen von zentraler Bedeutung.

Zurück zur Mitte finden und den Boden wieder spüren durch regelmäßiges und genügend Essen, Schlafen, durch Spazierengehen, durch Gartenarbeit, Begegnung mit Tieren und Pflanzen, Barfusslaufen, durch eine regelmäßige Tagesstruktur, durch handwerkliche Tätigkeiten...

 

Wütend auf die Angst werden

 

Nach den fünf Wandlungsphasen in der traditionellen chinesischen Medizin bringt das Wasserelement, wozu die Angst gehört, das Holzelement hervor.

Zum Holz gehört die Emotion Wut. Daher kann es hilfreich sein, die Angst in Wut zu verwandeln und so aus der Erstarrung und Ohnmacht wieder in eine aktive Haltung zu kommen. So können Sportarten, die Raum für den Ausdruck von Aggressionen lassen, wie beispielsweise Karate oder Taekwondo, dabei helfen, eine Angststörung zu überwinden.

 

Eine Einladung an die Angst aussprechen


Statt dem natürlichen und verständlichen ersten Impuls zu folgen, vor der Angst auf welche Weise auch immer äußerlich oder innerlich wegzulaufen, kann es ein wichtiger Schritt sein zu bleiben.
Die Angst ist der ungebetene Gast an der Tür, der immer wieder klingelt, obwohl man ihm schon tausendmal die Tür vor der Nase zugeworfen hat. Den ungebetenen Gast einladen und gemeinsam eine Tasse Tee mit ihm zu trinken, wäre eine andere Handlungsweise. Wer weiß, was die Angst wirklich will?

Sich jeden Tag zehn Minuten mit der Angst treffen. Ihr zuhören. Gemeinsam in Stille sitzen. Und sich vielleicht sogar eines Tages an die Angst anlehnen...

 

Der Angst ein Gesicht geben

 
Aus der Ohnmacht der Angst herauszutreten, kann oft eher gelingen, wenn man der Angst einen Ausdruck gibt.

- Male die Angst. Welche Farbe hat deine Angst? Wie sieht sie aus?  Ist sie grell und aufdringlich? Oder neblig und kriechend?

- Schreibe über deine Angst. Beschreibe sie. Wie kommt sie? Ist sie eine schwarze Wolke, die immer abens sich nähert? Oder ist sie wie eine Wand, die dir die Sicht nimmt? Ist sie kalt? Und wonach schmeckt sie?

- Gib deiner Angst eine Stimme. Finde Songs und Lieder, in denen du deine Angst ausdrücken kannst. Gib der Angst eine Melodie.

- Fotografiere deine Angst. Finde Motive, die für dich für deine Angst stehen. Mache eine Bilderserie, unterlege sie mit Musik und mit Worten.
- ....
Dies kann allein schwierig oder überfordernd sein - dann ist es hilfreich in einer Gruppe zu sein:
Schreibwerkstatt

 

Den Radius wieder erweitern

 

Angst hat die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich wie ein Virus im eigenen Leben ausbreitet und sich auf immer mehr Lebensbereiche aufsetzt.

Erst kann man nicht Fahrstuhl fahren, dann gehen Tunnel nicht mehr, irgendwann kam die Panikattacke im Kaufhaus, dann in einer Straßenbahn, im Zug, im Flugzeug, im Auto... Angst macht alles eng und enger.
Wenn genügend seelische Stabilität vorhanden ist, kann es sehr hilfreich sein, sich sein eigenes Angstüberwindungsprogramm vorzunehmen und mit kleinen Schritten anzufangen, sich angstmachenden Situationen zu stellen. Eine Station U-Bahn fahren, allein um den See gehen, in ein Kaufhaus gehen.

Wichtig ist hierbei die Möglichkeit des Gelingens zu schaffen. Wer seit zehn Jahren keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzt hat, sollte nicht gleich in einen ICE steigen, der zwei Stunden nicht anhält, sondern erst einmal eine Station mit dem Bus fahren.

 

Umgang mit Rückschlägen


Rückschläge auf dem Weg der Übung sind normal.
Das, was ein paarmal ging, geht an einem Tag plötzlich nicht. Verständlich ist hier eine Reaktion, alles in Bausch und Bogen zu verwerfen und sich für gescheitert zu erklären bei dem Versuch, die Angst zu überwinden. Es ist schwierig, mit solchen Situationen gut umzugehen, wenn die Angst einem den Strich durch die Rechnung macht, vor allem wenn man sich gefreut hat, zu einem Seminar, zu einem Fest etc. zu fahren.

Wut und Angst und Verzweiflung vermischen sich dann zu einem brisanten Cocktail.

Wenn man es irgendwie schafft, ist es gut sich zu sagen, dass es okay ist Rückschläge zu haben, dass es dieses Mal nicht ging, dann eben beim nächsten Mal.

Wenn es gelingt, ist es besser sich selbst in den Arm zu nehmen, statt sich für ein vermeintliches Scheitern zu verdammen. Auch Bergsteiger können nicht jeden Tag die geplante Etappe bewältigen, müssen manchmal schlechtes Wetter abwarten oder umkehren, manchmal auch kurz vor dem Gipfel. Es gibt gute und es gibt schlechte Tage. Never give up!

 

Bewährte Regeln zum Angst-Trainingsprogramm - für Menschen mit Agoraphobie:

 

- Kläre deine Motivation: Für welches Ziel lohnt es sich, die Mühen des Angst-Trainings auf sich zu nehmen?

- Schaffe Bedingungen, unter den Erfolg möglich ist. Denke an realistische Pausen, an genug Essen und Trinken für unterwegs.

- Feiere und genieße deine Erfolge, egal wie groß sie sind. Jeder Schritt ist großartig.

- Der Mut zählt, nicht das Ankommen.

- Gestatte dir, für ein Ziel zu üben. Übung führt zu Erfolgserlebnissen.

- Gehe soweit, wie es geht. Beende das Angsttraining, wenn es nicht mehr weiter geht. Achte deine Grenzen.

- Entscheide dich im Zweifel für dich selbst, vor allem wenn du zwischen vermeintlichen Verpflichtungen und dem Wahren deiner Grenzen entscheiden musst.

- Setze beim Üben vorher keine Ziele fest. Lass dein Herz und deinen Bauch entscheiden, was geht - nicht deinen Kopf.

- Gestatte dir, die gleichen Situation mehrmals zu üben. Wiederholung schafft Vertrauen. Nicht jedes Üben muss weiter führen als zuvor.

- Lasse dich von niemandem drängen, weiter zu gehen, als du es gerade möchtest.

- Begegne deinem Mut und deinem Durchhaltevermögen mit Achtung und Respekt.

- Stehe auch dann zu dir, wenn es Rückschläge gibt. Nimm dich selbst in den Arm.

- Übe mit Freude, mit Freude am Weg, nicht um ein Ziel zu erreichen.

- Und höre niemals auf daran zu glauben, dass du deine Angststörung überwinden kannst!

 

 

Ein Roman zum Thema Angsterkrankung:

Gyde Callesen: Angst hat die Quersumme 5. Erste Auflage 2013, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt.
Mehr Infos hier: https://www.gydecallesen.de/b%C3%BCcher/