Die Erde für den Samen – Geduld auf dem Weg der Heilung

von Gyde Callesen, Schriftstellerin, Dozentin und Therapeutin
- Vorabdruck aus dem geplanten Buch: Was ist Heilung? Facetten eines Phänomens - 
 

Heilung hat ihre eigene Zeit. Man kann sie nicht beliebig beschleunigen, in ihren Prozess beliebig eingreifen. Heilung braucht Zeit.

Daher fordert jede Krankheit Geduld von uns ein – als Kranker, aber auch als Therapeut. Bei körperlichen Krankheiten gibt es vielleicht Richtschnuren, wie lang eine bestimmte Erkrankung dauert, doch bei jedem kranken Menschen ist es anders. Und bei seelischen Erkrankungen ist es noch viel schwieriger – niemand vermag zu sagen, wie lange eine Depression dauert, eine posttraumatische Belastungsstörung, eine Angststörung.

Wenn wir Geduld haben, mit uns selbst und unserem Gegenüber, schenken wir Raum. Wenn wir nicht drängen oder erwarten, können sich Türen öffnen, die sonst verschlossen blieben. Geduld ist vielleicht eine Form von Liebe, von liebender Annahme. Wenn uns jemand einen Raum schenkt, in dem wir ohne Erwartungsdruck sein können, so wie wir gerade sind, vielleicht so mutlos, so verzweifelt, so ängstlich, so wütend, dann umhüllt die geschenkte Geduld unser Leiden mit Wärme.

Geduld ist vielleicht auch eine Form von Mitgefühl, entstanden aus der Erfahrung des Menschseins. Und damit auch eine Form von Gelassenheit. Wir wissen dann, dass eine Krise eben eine Krise ist, dass diese vielleicht vier, vielleicht acht Wochen oder noch länger dauern kann. Es ist die Fähigkeit mit dem zu sein, was ist, ohne gleich etwas ändern zu wollen oder zu müssen.

Um geduldig sein zu können, müssen wir gelernt haben, mit unserer eigenen Ohnmacht umzugehen. Wenn wir die so empfundene Ohnmacht nichts tun zu können in Vertrauen verwandeln, dass wir alle Hilfe bekommen werden, die wir brauchen, dann können wir geduldig werden. Geduld hat somit auch etwas mit Hingabe zu tun, Hingabe an den Fluss des Lebens. Sie ist der Mut aufzuhören zu kämpfen.

Als Therapeut oder Arzt können wir ungeduldig werden, wenn Heilungsprozesse stagnieren, wenn es scheinbar so gar nicht voran geht, wenn Patienten immer wieder Saltos rückwärts machen und wieder dort landen, wo man doch schon mehrmals war. Wenn wir dann anfangen, an den Menschen zu zerren und zu zupfen, dann wird es meistens umso mühsamer. Niemand kann wissen, wie viele Schleifen ein Mensch auf seinem Heilungsweg, der bekanntlich nie linear verläuft, braucht – und warum er diese braucht. Ungeduld auf Seiten von Behandlern entsteht vor allem dann, wenn diese ein bestimmtes Ziel vor Augen haben, das erreicht werden muss. Nichts spricht gegen Behandlungs- und Therapieziele, aber vielleicht hat man unterwegs andere, kleinere Ziele übersehen, die ebenso wichtig sind.

Ungeduld kann hier auch aus Ohnmacht entstehen, aus der Erfahrung der Grenzen der eigenen Kompetenz, wenn man merkt, dass die eigenen Fähigkeiten gerade nicht ausreichen, um jemandem zu helfen. Und dann wächst im Zweifel schnell der Frust, der bisherige Behandlungserfolge vernichten kann, wenn er für den Patienten spürbar wird. Ungeduld in Heilungsprozessen hat fast immer mit nicht erfüllten Erwartungen zu tun, auf Seiten von Behandler und Behandeltem. Das muss doch nun langsam mal gut sein, das kann doch nicht so lange dauern....

Wenn etwas so viel länger dauert als erwartet, dann ist vielleicht die Botschaft noch nicht verstanden, die in einer Erkrankung liegt. Dann ist der Brief des Körpers oder der Seele an einen selbst noch nicht gelesen und noch nicht verstanden. Vielleicht sind wir dann zu sehr mit der Beseitigung der störenden Symptome beschäftigt, statt die Krankheit als Aufforderung zur Wandlung zu begreifen.

Geduld ist damit auch ein Ausdruck von Güte, die dem Heilungsprozess, wie auch immer er verlaufen mag, liebevoll und warmherzig gegenübersteht.

Vielleicht sollten wir alle viel geduldiger sein – mit unserem Gegenüber und uns selbst – keine einfache Aufgabe in so schnellen Zeiten wie diesen.