von Randolph Pleske, Psychotherapeut, Begründer der atemzentrierten Psychotherapie und buddhistischer Abt
- Vorabdruck aus dem geplanten
Buch: Was ist Heilung? Facetten eines Phänomens -
Ursprung
Alles ist ruhig und friedlich, aber ich weiß, ich kann nicht hierbleiben. Ich bin nicht allein. Ich bin verbunden und doch ganz bei mir. Alles ist so klar. Ich weiß, was ich will. Ich will wieder
geboren werden, ein guter Mensch sein, leben, lieben, mich selbst finden, andere finden, andere helfen, sich zu finden. Der Wunsch wird immer drängender. Ich verspreche und gelobe alles, nur um
wieder geboren zu werden. Aber das wollen viele andere um mich herum auch. Alle wollen auf die Erde. Warum, wieso? Es gibt nicht so viele Plätze dort, nur ein paar Milliarden für unzählige
Lebewesen. Ich brauche Eltern oder zumindest eine Mutter. Nein, bitte keine mit vier Beinen, ein Mensch bitte.
Geburt und Trennung
Alles ist ruhig und friedlich, ich möchte für immer hier bleiben. Ich schwebe. Es ist warm. Entfernt höre ich Geräusche und ein rhythmisches Trommeln, das mich immer begleitet. Alles ist so klar. Ich bin in etwas, das stetig wächst. Und dieses Wachsen wird zum Problem. Ich kann nicht raus und es wird immer enger. Ich bin mit jemandem verbunden, ein Mensch. Dieser Mensch teilt seine Gefühle mit mir, manche sind schön, andere sind schrecklich. Es wird immer enger. Dieser Mensch und ich, wir leiden. Ich werde zusammengepresst oder das, wo ich drinnen bin. Ich fühle Schmerzen. Es ist unerträglich. Ich kann nicht fliehen. Ich bin gefangen. Ich sterbe.
Alles ist hell und laut. Etwas strömt in mich ein und in meinen Körper. Ich schreie. Es ist kalt und schmerzt. Es sind Menschen um mich, die sich freuen, dass ich schreie. Ich spüre eine neue
Energie, die meinen ganzen Körper erfüllt. Etwas strömt in meinen Körper ein und wieder hinaus und dieses etwas wird mich mit dieser Bewegung immer begleiten, auch dieses rhythmische Geräusch,
das ich schon kenne. Später werde ich Begriffe dazu erfahren, Herz, Atem, Lunge. Irgendwie bin ich dieser Körper und ich bin hungrig, so hungrig, ich brauche Essen, ich brauche Wärme, ich brauche
Liebe. Man legt mich hierhin und dorthin. Manchmal bin ich allein, es ist dunkel, ich schreie bis es in mir Nacht wird.
Prägung
Alles ist so hell und bunt. Ich höre jedes Geräusch, schöne Geräusche und schreckliche Geräusche, die sich Stimmen nennen, manchmal leises Flüstern, manchmal Schreie. Ich will alles anfassen, ich will prüfen, ob ich es essen kann, ob es meinen Körper am Leben erhält. Ich will greifen, alles ist so echt, so nah, so faszinierend. Ich spüre alles, jede Berührung ob schön oder schmerzhaft. Ich bin oft eingesperrt und werde hin und her bewegt. Manchmal, wenn etwas unerträglich ist, halte ich die Luft an, bis es besser ist. Vieles darf ich nicht anfassen. Meine Hände werden weggezogen. Ich lerne Worte wie Mama und Papa. Das müssen die Menschen sein, die oft da sind, besonders „Mama“. Manchmal bin ich so frei, etwas was ich in meinen Händen halte, kann ich stundenlang betrachten, dann werde ich wieder weggezogen, ich schreie, das ist alles was ich kann, manchmal werde ich auch angeschrien. Ich sehe, höre, rieche, schmecke, fühle diese Welt mit unglaublicher Intensität.
Ich sitze auf einem Stuhl. Viele Stunden. Meine Eltern wollen, dass ich lerne, damit aus mir mal was wird. Ich will mich bewegen, rennen, lachen, mit den anderen sitzenden Kindern. Verschiedene
Menschen, die viele Stunden reden, werden über mich urteilen, wie gut oder schlecht ich gelernt habe. Dieses wird meine Eltern erfreuen oder sie werden ärgerlich. Sie selber starren viele Stunden
auf Bildschirme, und wenn ich das mit ihnen tue, sind wir zusammen. Sie wissen was gut ist für mich und wollen nur das Beste. Manchmal schreien oder schweigen sie sich an, oder sie schreien oder
schweigen mich an. Durch das viele Sitzen atme ich weniger, bekomme weniger Energie, aber das ist mir egal. Wenn was schlimm ist, atme ich noch weniger oder ganz schnell. Manchmal bin ich frei
und ich denke. Ich kann in meinem Geist meine eigene Welt erschaffen oder mich in Bildschirm- und Buchwelten verlieren. Manchmal denke ich, wer bin ich und was mache ich hier? Ich weiß, wie
„Mama“ und „Papa“ funktionieren, sich verhalten und reagieren. Meine Gefühle sind immer noch intensiv, Angst, Freude, Wut, Trauer.
Die unterdrückte Lebendigkeit
Ich lernte viele Jahre, ich saß viele Jahre, vor Büchern, vor Bildschirmen, oft lag ich auch davor. Irgendwie atme ich, irgendwie fühle ich, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie intensiv ich
einst gelebt und gefühlt habe. Mein Atem hält mich am Leben. Manchmal wird er tiefer, wenn ich aufgeregt bin und manchmal flacher und wenn ich nicht fühlen will, unterdrücke ich ihn. Mein Leben
beschäftigt mich mit vielen Ereignissen und anderen Menschen. Wer bin ich und warum bin ich hier, ist weit weg. Ich erinnere nicht, was ich alles versprochen habe, um hierher zu kommen.
Stattdessen ist wichtig, wie wirke ich auf andere, wie verdiene ich Geld, wie bekomme ich Anerkennung und Bestätigung von anderen. Ich arbeite jetzt. Bin ich zufrieden, bin ich glücklich? Bin ich
in Kontakt mit anderen? Sind andere zufrieden mit mir? Sind andere glücklich mit mir?
Atem und Blockade
Ich atme, Energie strömt in meinen Körper. Es wird eng. Alles kribbelt. Ich spüre meinen Körper. Gedanken tauchen auf. Ich tauche ein in meine Vergangenheit. In meinem Körper scheint sich die
Energie zu verdichten. Meine Gefühle werden stärker. Was mache ich eigentlich? Soviel Ärger, soviel Stress, so viele Blockaden. Ich kann kaum noch atmen, weil alles so eng ist. Körperteile
beginnen zu schmerzen. Ich will aufhören und doch atme ich weiter. Meine Gefühle werden stärker. Ich spüre starke Trauer. Sie ist einfach da. Ich sehe meine Vergangenheit, ich sehe Menschen, ich
sehe Ereignisse. Ich kann kämpfen oder loslassen. Wenn ich loslasse, atmet mein Körper von selbst.
Kernerfahrung
Es atmet mich. Ich gebe mich dem hin. Ich bin ganz bei mir. Ich bin ruhig und gelöst. Ich bin frei. Gedanken, Gefühle, Empfindungen tauchen intensiv auf und gehen. Mein Körper vibriert, mein
Geist ist klar. Ich spüre etwas, was ich lange nicht mehr gespürt habe. Ich spüre Freude und Liebe. Ich bin mit mir verbunden. Ich blicke auf die Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind.
Einige sind schon verstorben. Ich kann klarer sehen, ich spüre Mitgefühl und universelle Trauer. Alles ergibt einen Sinn. Ich freue mich auf mein Leben. Ich sehe, was ich tun kann. Ich will mich
anders verhalten, besser leben, gesünder leben, verbundener leben, angstfreier leben. Ich spüre diese starken Impulse. Alles erscheint in einem helleren Licht. Ich spüre Kraft und Mut.
Atemzentrierte Psychotherapie
Der Atem trägt uns durch das, was sich im Laufe unseres Lebens über unser Wesen gelegt hat. Durch Erfahrungen, Erziehung und Anpassung entstehen Muster, Ängste und innere Enge. Wir lernen zu funktionieren, statt zu fühlen, entwickeln Strukturen und Störungen. Der Atem erinnert uns an etwas, das tiefer liegt als all diese Konzepte. Wenn wir bewusst und tief atmen, begegnen wir uns selbst. Spannungen, Gefühle und Erinnerungen tauchen auf. Manches schmerzt, manches befreit. Hinter der Enge kann wieder etwas Lebendiges spürbar werden.
Es gibt eine Erfahrung, in der der Atem einfach geschieht. Der Körper wird ruhig und gleichzeitig voller Energie. Gedanken klären sich, Gefühle dürfen fließen. Vergangenes erscheint in einem neuen Licht. So kann eine Verbindung entstehen zu dem, was wir wirklich sind. Nicht zu dem Menschen, der wir sein sollen, sondern zu dem Menschen, der wir sind. Der Atem wird zu einer Brücke — zurück in den Körper, zurück ins Fühlen, zurück ins Leben.
